Über die virtuelle Bühne als Fluchtort

Er ist vernünftig, jeder versteht ihn

"Die Idee, dass auf dem Theater die Angelegenheiten eines Volkes behandelt werden können, ist ganz aus der Luft gegriffen." Meine Auffassung von Theater ist das genaue Gegenteil davon. Übrigens auch die eines gewissen Herrn Bertolt Brecht. Von diesem stammt der einleitende Satz. Von ihm nicht zu lernen macht das Theater zu dem, was es heute ist. Es zieht es vor, nichts zu sagen zu haben und nichts sagen zu können, anstatt das zu wollen, was vernünftig ist. Denn sich den geistigen Gehalt der Werke Brechts und Heiner Müllers, den beiden Dramatikern des Deutschen, durch die es sich im zwanzigsten Jahrhundert einschrieb in die Weltliteratur, anzueignen, hiesse am 'Lob des Kommunismus' zu arbeiten. "Er ist vernünftig, jeder versteht ihn." Aber da würde ich Brecht widersprechen wollen, weil es Menschen gibt, die denken, dass es sich bei der Erde um einen Wegwerfplaneten handele, und die es auch ganz gut verstehen, ihr Denken in die Tat umzusetzen. Dass dieses Denken mit einem bestimmten Klassenstandpunkt zu tun hat; ja gut, das wiederum versteht sich von selbst.
Zum Kommunisten wurde ich durch einen deutschen Kommunisten und Dramatiker. Der Vorgang, der dazu geführt hat, heisst in der Sprache der Psychoanalytiker 'Übertragung'. Was zur Übertragung kommt, ist der geistige Gehalt des Gegenüber. Er bewirkt die Erziehung des Herzens. Damit es zu einer Übertragung kommt, aus der etwas Gutes hervorgehen kann, bedarf es des Einverständnis des Empfangenden. Dann ist es eine Gabe, die übertragen wird, dann ist der Gebende es durch seinen moralischen Trieb.

Geld geht an die Würde

Das war noch in der Schweiz. Dort, am Rheinfall in Schaffhausen, bin ich 1971 zur Welt gekommen. 1994 musste ich die Segel streichen. Es hatte sich mir die gleiche Frage gestellt, die sich Stendhal 1817 stellte: "Ich möchte gern wissen, welcher Reisende als erster gesagt hat, in der Schweiz gäbe es Freiheit." Das Vernichtende, vor dem ich kapitulierte und floh, ist die Antwort, die durch die Frage gegeben wird. Die Problematik einer Gesellschaft, in der es kein Bewusstsein dafür gibt, dass sie das falsche Leben als das gute preist. Pasolini hat es in einer Sentenz zusammengefasst: Es "verlangt einen Menschen, der keinerlei Bindung mehr an Vergangenheit hat, ..., ein Mensch, dem nur ein einziger existentieller Akt zusteht, das Konsumieren". Dazu ist sehr viel Geld vorhanden. Die Wirkung davon nennt Heiner Müller: "Geld geht an die Würde". Geld als Mass der Wertschätzung beraubt den Menschen der Würde. Davor floh ich nach Berlin. Durch eine Allgemeine Hochschulreife, erworben auf einem VHS-Kolleg, die zweite und letzte Erwerbung eines bürgerlichen Titels - der erste bürgerliche Fähigkeitsausweis war mein Abschluss an einer schweizerischen Handelsschule, und psychiatrische Gutachten, die ich fleissiger als die Fähigkeitsausweise der Bürgerlichkeit sammelte, dürften wohl eher als 'Antititel' zu deklarieren sein -, bildete ich mich in Berlin weiter, und noch mehr bildete mich die Stadt durch ihren Geist, insbesondere in der Gestalt der Volksbühne, des Berliner Ensembles und durch das Leben des LSD-Viertels. Berlin ist die Geburtsstadt meiner Grossmutter und die Stadt ihrer Jugend. Sie war die Autorität, die meine Kindheit geprägt hat. Das bescherte mir eine deutsche Kindheit in der Schweiz. Sie war eine frühe Lektion darin, dass das Hässliche überall auf der Welt in seiner hässlichsten Gestalt der Rassismus ist. Klassenkampf fördert keine schönen Eigenschaften.

Eine Schranke gegen Grausamkeit, Brutalität und Hässlichkeit

Im Koffer auf meiner Reise nach Deutschland hatte ich ein - sich in Arbeit befindliches - kommunistisches Bewusstsein und die Namen, die ihm auf die Sprünge helfen. Denn dazu ruft der Wahlspruch der Kommunisten sie auf: "Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen sondern durch Analysierung des mystischen sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf." An den von Marx formulierten Wahlspruch erinnert Heiner Müller: "Wichtig ist, dass die Lehre erhalten bleibt für eine Zeit, wo sie abgerufen und wieder gebracht wird. Die Gegenwart gehört dem Kapitalismus. Aber ohne Kommunisten wird es keine Zukunft geben." Scheint eine apodiktische Aussage zu sein, ist es aber nicht. Die Menschheit hat die Wahl: zwischen Kommunismus und der Suche nach einem Ersatz für den gegenwärtig besiedelten Rohstoffklumpen. Setzt man die Vernunft in das Menschengeschlecht, ist die Wahl einfach. Denn: "Er ist das Einfache". Und er ist einfach zu machen mit "Menschen, die eine Schranke gegen Grausamkeit, Brutalität und Hässlichkeit aufgerichtet haben." Dann wird 'der Versuch der Befreiung', wie er von Herbert Marcuse gedacht worden ist, die wünschenswerte Wirklichkeit. Mit meinen Dasein wollte ich beitragen zu dieser Wirklichkeit, die "an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt". Mit der Wahl, auf welcher Seite man zu kämpfen gedenkt, auf Seiten der Ausbeuter, auf Seite der Ausgebeuteten, entscheidet man sich für oder gegen den Kommunismus. Diese Entscheidung hat Folgen. Denn "Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen". Sie nennen ihn so, weil er, indem er die Ausbeutung von Mensch und Natur beendet, die Klassengegensätze aufhebt. Den Kommunismus bedingt die klassenlose Gesellschaft. Das ist etwas, das die Geschichte nicht kennt. Deshalb können sich Ausbeuter eine Gesellschaft ohne Klassen nicht denken, deshalb wird "im Westen Geschichte nur als Bedrohung gedacht". Darüber aufzuklären, dass der Kommunismus die Veränderung zum Guten ist, dazu wurde mir das Theater der Ort meiner Bestimmung.

Schweigen, für einen Schriftsteller ist das gleichbedeutend mit Tod

Für meine Behauptung als Dramatiker kann ich als ein Zipfelchen Realität einen Preis, Förderungen und Einladungen an Seminare, Hospitanzen am Stadttheater Luzern, an der Ernst Busch Schule und am Berliner Ensemble vor dessen Auslieferung an den Klassenfeind, sowie eine Uraufführung anführen. Das war noch in den zarten Jugendjahren und es hatte sich angefühlt, als ob ich Karriere machen können sollte. Mein sich 'in Arbeit befindliches kommunistisches Bewusstsein' hat sie geflissentlich verhindert. Den herrschenden Verhältnissen, also der Unterordnung aller Interessen unter dasjenige des Kapitals, als Stütze und Zier wollte es nicht dienen. Ich ahnte die Aufgabe, die gelöst zu haben die Kunst ihre Gewissheit haben kann, ist der Kapitalismus ein Zeitalter, das vergangen ist: "Dem Begriff der klassenlosen Gesellschaft muss sein echtes messianisches Gesicht wiedergegeben werden". Nichtsdestotrotz jammerte Kollege Bulgakow, er war in den Vorkriegsjahren der am häufigsten gespielte Dramatiker der Sowjetunion, das Stück, das am meisten Aufführungen erlebte, war 'Die Tage der Turbins', seine Dramatisierung seines Romans 'Die weisse Garde': "Mein Schicksal [… ] Jetzt zwingt es mich zum Schweigen, und für einen Schriftsteller ist das gleichbedeutend mit dem Tod." Dem ist so. Und dem Faschismus sind einzig und allein die toten Künstler, ihrer Schweigsamkeit wegen, gute Künstler. Das hängt mit einer weiteren Feststellung von Walter Benjamin zusammen: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." Auch der Faschismus in seiner Erscheinung als Farce muss, um sich vor der Entdeckung der Barbarei, die er ist, gesichert zu wissen, die Kultur vernichten. 

Kein neues Theater aus alten Stücken

Also wurde ich vom Theater vertrieben. Was eine Dramatisierung ist. Ich wurde einfach mehr und mehr übergangen, oder das Theater wurde dicht gemacht, wenn es anders war. Für Kommunisten gilt in diesem Staat wie eh und je: Berufsverbot. Alles andere wäre aber auch erstaunlich, wenn man bedenkt, dass mit der Gründung des gegenwärtigen Staates die Macht in die Hände von Konservativen gelegt worden ist. Denn: was konnte und was wurde von ihnen konserviert? Brüderlichkeit? Gleichheit? oder vielleicht die Freiheit? Wenn das die Werte waren, für die das Deutschland stand, das vor dem heutigen war, dann: ja. Denn konserviert wurde das, was war. Das, was war, war es durch die, die es konservierten. Das Erbe des Vorgängerstaates wurde konserviert, und es ist dieses Erbe, womit man es zu tun hat, wenn man politisch wirken, also zum Beispiel Kunst machen will. Lediglich mit Berufsverbot belegt, ist man als Kommunist also vergleichsweise gut bedient.
Vom Nazismus wurde durch den alliierten Sieg im zweiten Weltkrieg die Welt befreit, Deutschland erlitt durch diesen Sieg nicht seine Befreiung, sondern eine Niederlage. Die Nazis waren und sind das, was das Denken in Deutschland beherrscht, Deutschland hat sich von den Nazis nie befreit. Keine andere Macht als Deutschland selber kann es von den Nazis befreien. Dafür arbeite ich. Wenn die Zeit der Befreiung gekommen sein wird, wird mein Werk seine Nützlichkeit zeigen. 

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