LEBEN WIDER DIE LÜGE

Pier Paolo Pasolinis Apologie des Kommunismus als das Einheitliche in den widerstrebeneden Formen von Vita Violenta und Accatone

„Wir reden hier nicht über Literatur, ich bin aber – zu meinem Unglück oder Glück – Literat“. Dieses Zitat, in dem Pasolini ein Jahr vor seiner Ermordung sich selbst verortet, leitet einen mit dem Begriff Il genicidio betitelten, auf einem Fest der kommunistischen Tageszeitung L’Unità vorgetragenen Diskussionsbeitrag ein. Das Thema Genozid spricht er bereits davor im Aufsatz Das Ende der Avantgarde an, abgedruckt im Sammelband mit dem sprechenden Titel Ketzererfahrungen, in welchem er fragt:  „Gibt es einen Grund dafür, dass die rassistischen Massenmorde mit ihren Konzentrationslagern und Gaskammern definitiv vorbei sind?“ Heiner Müller verneint es: „Die Grundfrage des Jahrhunderts ist es, eine Alternative zu Auschwitz zu finden. Es gibt keine Alternative zu Auschwitz, bis jetzt.“ Berthold Brecht kontextualisiert „die Vergasungslager der IG-Farben-Trusts [...] [als] Monumente der bürgerlichen Kultur.“ Die Kontinuität des Völkermordes stellt sich her durch die fortwährende Herrschaft der bürgerlichen Klasse. Denn die Ableitung von der Feststellung Marxens, dass „[d]ie Gedanken der herrschenden Klasse [] in jeder Epoche die herrschenden Gedanken [sind], d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht“; die Ableitung davon setzt die herrschende Kultur als die Kultur der herrschenden Klasse. Die Gegenwart des Völkermords greift über den historischen Zeitpunkt der Existenz der Vernichtungslager hinaus, zu deren paradigmatischen Begriff der Ort Auschwitz sich entwickelt hat, ebenso wie sie hinter diesen zurückreicht. Deshalb ist für Walter Benjamin „das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert noch möglich sind, [...] kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang der Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“ Den weltanschaulichen Standpunkt der vier hier miteinander ins Gespräch gebrachten Kommunisten zu teilen, erhellt Pasolinis apodiktisches Diktum, „»Freiheit«... bedeutet […] »Freiheit, den Tod zu wählen«.“ Wer Genozid und Völkermord als systemimmanente Notwendigkeit begreift, kann dafür, „daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei“, nicht kämpfen, will er diesen Kampf, um „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, vorbehaltlich des eigenen Lebens führen. Der Kapitalismus als Zeitalter, von der Ausbeutung des Menschen durch das Verhältnis von Arbeit und Kapital leitet sich sein Name her, schließt das Glück der Menschheit aus. Aber „[d]as, was wirklich zählt – ist das etwa nicht das Glück? Wofür macht man denn die Revolution, wenn nicht, um glücklich zu sein??“

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Manuskript: Leben wider die Lüge
David Fässler_Leben wider die Lüge.pdf
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